| Gedenksteinenthüllung am 25. Januar 2008 |
| Donnerstag, den 31. Januar 2008 um 18:56 Uhr | ||||
|
Mit freundlicher Genehmigung des "Pforzheimer Kurier", Ausgabe vom 26. Januar 2008 "Der Erinnerung eine Form und den Toten Gesichter geben" Gedenkstein für 25 französische Widerstandskämpfer enthüllt, die von der Gestapo ermordet wurden / Viele Angehörige dabei Von unserem Redaktionsmitglied Rita Reich Was sich gestern auf dem Buckenberg abgespielt hat, ist mehr als eine formelle Feierstunde. Wer dabei gewesen ist, bei der Enthüllung eines Gedenksteins und bei der Erinnerung an 25 von der Gestapo ermordete französische Widerstandskämpfer, hat berührende Momente erlebt. Den Moment, als Angehörige zum Teil in dritter oder vierter Generation Rosen niederlegen an dem Stein, der die Fotos ihrer erschossenen Vorfahren zeigt. Den Moment, als junge Pforzheimer, Schülerinnen und Schüler der Osterfeld Realschule, die Fotos und die Lebensgeschichten von Menschen präsentieren, die seit 63 Jahren tot sind und plötzlich ganz präsent und lebendig zu werden scheinen. Diese Nähe zu einer längst nicht bewältigten Vergangenheit wird auch spürbar, als Oberbürgermeisterin Christel Augenstein schildert, was sich in den Taschen einer der Leichen fand: zwei Bleistiftzeichnungen, von denen eine einen jungen Mann in französischer Uniform zeigt, die andere ein kleines Landhaus mit der Zeile "ma maison chérie, Zettel mit Kochrezepten und schließlich die handgemalte Skizze einer Frankreichkarte mit der Unterschrift "Vive la France''. Was für eine Zukunft mag sich diese junge Frau erträumt haben, die im Alter von gerade einmal 21 Jahren hinterrücks durch einen Genickschuss ermordet wurde, fragt die OB. Und die Zuhörer, darunter rund 150 Gäste aus Frankreich, denken schweigend an eine Widerstandskämpferin, deren Leben brutal beendet wurde. Nicht vergessen ‑ das könnte Leitspruch dieser Veranstaltung sein. Oder, wie Mireille Hincker, Präsidentin von "Souvenir Francais", der französischen Kriegsgräberfürsorge, sagt: "Uns bleibt das Andenken, euch aber die Unsterblichkeit." Erinnern soll der Gedenkstein, der seit gestern unverhüllt an der Buswendeschleife beim Wildpark steht, an ein Massaker im Jahr 1944, das über Jahrzehnte beinahe vergessen war. Selbst alte Pforzheimer versichern, davon nichts zu wissen. Am 30. November 1944 wurden im Hagenschieß 25 Mitglieder der französischen Widerstandsgruppe "Réseau Alliance, eines militärischen Nachrichtendienstes, von der Gestapo durch Genickschuss umgebracht und in einem Bombentrichter verscharrt: "Menschen, denen der Kampf für Freiheit, Gleichstellung und Frieden mehr bedeutete als das Leben." Der Gedenkstein zeigt Fotos und Lebensdaten der Getöteten. Rund 150 Franzosen sind in zwei Bussen und Privatwagen nach Pforzheim gekommen. Neben den Angehörigen sind hochrangige Repräsentanten dabei, etwa Generalkonsul Christian Dumon vom französischen Generalkonsulat in Stuttgart, Alain Daniel, Verteidigungsattaché der französischen Botschaft in Berlin, und Jean Louis Brette, ehemaliger Befehlshaber der französischen Streitkräfte in Deutschland. Im Audimax der Hochschule werden alle herzlich begrüßt. "Wir wollen der Erinnerung endlich eine Form und den Toten ihre Gesichter zurückgeben," sagt OB Augenstein. Und weiter: "Wir wissen, dass diejenigen, die geholfen haben, den Zweiten Weltkrieg, die nationalsozialistische Gewaltherrschaft und das Sterben in den Konzentrationslagern zu beenden, auch für uns Deutsche gestorben sind. Mireille Hincker dankt der Stadt Pforzheim für den "beherzten Entschluss", den Gedenkstein zu errichten. Sie zitiert letzte Zeugnisse der Widerstandskämpfer, die nicht Rache, sondern Versöhnung fordern. So steht im Testament" des Paters Francois Marty, eines der 25 Opfer: Ich bitte um Schonung für meine Bewacher" und "Derjenige, der mich verraten hat, möge in Frieden ruhen, ich vergebe ihm. "Colonel Bernard Schenk von Souvenir Francais" schildert Aufbau und Tätigkeit von "Réseau Alliance. Bis zu 3 000 Mitglieder der Widerstandsgruppe sammelten militärische Informationen und übermittelten sie an die Zentrale nach London: ein riesiges Informationsnetz von Patrioten, das erst durch Verrat entscheidend geschwächt wurde. Nachdem Schülerinnen und Schüler der Osterfeld‑Realschule die Lebensdaten der Opfer vorgestellt und die jeweiligen Angehörigen besonders begrüßt haben, bewegt sich die Versammlung in Richtung Gedenkstein. Dort spricht zunächst der Nachkomme eines Opfers, Yves Antoine Brun, und dann der katholische Pfarrer, Joel Fortmann. Er zitiert aus Briefen einer einzigen Überlebenden des Massakers, die er "Zeugin des Muts und des Glaubens" nennt. Es folgt ein Totengebet von Rabbiner Michael Bar‑Lev. Anschließend werden Kränze niedergelegt, unter anderem auch von Monique Moncomble, Präsidentin der Vereinigung "Alliance". Letzter Akt des Gedenkens: Viele Angehörige und Besucher begeben sich zum Ort des Massakers. Der Bombentrichter im Wald, in dem die Toten verscharrt wurden, ist kaum mehr zu erkennen. Doch Pfarrer i.R. Hans Ade, der als zehnjähriger Junge Augenzeuge der Exhumierung war, erzählt von diesem unauslöschlichen Eindruck und lässt noch einmal die Erinnerung wach werden.
|



